Texte

Songtexte
Ich melde mich eigentlich nicht viel zu Wort,
doch bei einem Thema, da meld‘ ich mich sofort.
Wenn es um die Existenz Gottes geht,
das ist sozusagen mein Fachgebiet.
Ich habe eine feste Meinung
und die heißt: Vielleicht.
Denn, wenn es ihn wirklich gibt,
will ich nichts gesagt haben…

Agnostiker, Agnostiker,
vielleicht ist da ja am Ende doch was da!
Agnostiker, Agnostiker,
ziemlich sicher nein, aber vielleicht doch ja!
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Nein.
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Nein.
Ziemlich sicher nein, ziemlich sicher nein, ziemlich sicher nein,
aber vielleicht doch ja…

Seh’ ich auf der Straße einen Atheist,
bin ich meist den ganzen Tag noch angepisst.
Der mit seiner doofen, selbstsicheren Art –
warum verbietet so etwas nicht der Staat?
Ich bin alles andere als autoritär,
aber manche Sachen sind einfach ohne Gewähr.
Für manche Dinge gibt es keinen Beweis.
Manche Themen sind nicht schwarzweiß.

Agnostiker, Agnostiker,
uns ist das alles noch nicht klar.
Agnostiker, Agnostiker,
ziemlich sicher nein, aber vielleicht doch ja!
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Nein.
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Nein.
Ziemlich sicher nein, ziemlich sicher nein, ziemlich sicher nein,
aber vielleicht doch ja…

In die Bibel schau ich aus Prinzip nicht rein,
aber manchmal glaub’ ich an Intelligent Design.
Auch die Wissenschaft hat bekanntlich ihre Grenzen,
so ist auch der Tenor auf Agnostik-Konferenzen.
Neulich war ich auf einer in Russland,
da mussten wir sehr viel Bus fahr’n:
Die Tagungsorte waren sehr weit auseinander,
doch es war nicht schlimm, weil ich so auf die Vorträge gespannt war.

Agnostiker, Agnostiker,
es war’n sogar vereinzelt Orthodoxe da.
Agnostiker, Agnostiker, auf der Konferenz, auf der ich da in Moskau war.
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Njet.
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Njet.
Ziemlich sicher njet, ziemlich sicher njet, ziemlich sicher njet,
aber vielleicht auch da…

Vielleicht ist Gott ja auch wie ein Loch:
Grade, weil er nicht da, ist gibt es ihn doch!
Ich find‘ solche Gedanken interessant.
Sie zu denken, braucht sehr viel Verstand.

Agnostiker, Agnostiker,
vielleicht ist da ja am Ende doch was wahr.
Agnostiker, Agnostiker,
ziemlich sicher nein, aber vielleicht doch ja!
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Nein.
Ziemlich sicher, ziemlich sicher, ziemlich sicher: Nein.
Ziemlich sicher nein, ziemlich sicher nein, ziemlich sicher nein,
aber vielleicht doch ja…
Arbeitskollegen, Arbeitskollegen,
sind ein wichtiger Bestandteil des Lebens.
Sie sind nicht immer deine Freunde,
aber sie sind im gleichen Gebäude.

Sie arbeiten alleine, oder in Teams,
sie schicken sich gegenseitig lustige Memes,
Freitag ist ihr Pizza-Tag
und am Wochenende sind die Kids am Start, oh

Arbeitskollegen, Arbeitskollegen,
kannst du das der Tanja auf den Schreibtisch legen?
Kannst du das dem Ole im Vertrauen sagen?
Ich würd’ nicht unbedingt den Chef danach fragen…

Den Tacker hier habe ich mir selbst gekauft,
da stehen meine Initialen drauf.
Das hier geht raus an alle Kollegen:
Wer im Hof raucht, sollte auch mal fegen!

Arbeitskollegen, Arbeitskollegen,
sind ein wichtiger Bestandteil des Lebens,
begleiten dich auf deinen Wegen
und prägen dein Arbeitsleben…

Manchmal gehen sie in Rente,
das sind emotionale Momente.
Ein ganzes Leben für die Firma:
Danke, liebe Irma!

Was ich bei uns mag? Die flachen Hierarchien.
Am Ende eines Tages sind wir doch ein Team!
Jetzt, wo Irma nicht mehr da ist, müssen wir dran denken,
was wir dem Chef nächstes Jahr zum Geburtstag schenken.
Die Maschine entkalkt sich nicht von alleine,
ich habe keinen Bock, dass immer ich sie rein’ge.
An deiner Präsentation gestern gibt es nichts zu verbessern,
nur zwei, drei Punkte, die kann ich dir mail’n bei Interesse.

Arbeitskollegen, Arbeitskollegen
sind ein wichtiger Bestandteil des Lebens.
Sie sind nicht immer deine Freunde,
aber sie sind im gleichen Gebäude.
Dänemark
Dänemark
Dänemark
Dänemark

Es war nur eine Woche,
in Dänemark.
Doch in dieser Woche
fühlte ich mich stark.
Und es ging mir besser,
von Tag, zu Tag, zu Tag.
Das lag nicht an dir, Vanessa,
das lag an Dänemark!

Es lag an diesen Lichtern,
es lag an dieser Luft.
Es lag an den Gesichtern
und an ihrem Duft.
Es lag auch an der Sprache,
es lag am ganzen Land.
Und an wem es nicht lag,
ist ja jetzt bekannt,
Vanessa.

Dänemark
Dänemark
Dänemark
Dänemark

Die meisten Tage lag ich
einfach nur am Strand,
in der einen Hand Shakespeares Hamlet
und die andere spielte im Sand.
Klar, das mit Vanessa
hat schon extrem genervt,
doch es hat auch den Sinn
für alles Schöne drum herum geschärft, in

Dänemark
Dänemark
Dänemark
Dänemark

Solltet ihr mich fragen,
was mit Vanessa ist,
und sagen, dass ihr noch zu wenig
über Vanessa wisst,
kann ich das nicht verstehen,
ehrlich gesagt:
Das ist kein Lied über Vanessa
sondern über Dänemark!

Mensch Vanessa, bitte
schrei doch nicht so rum!
Das hier ist mein Arbeitszimmer,
du schmeißt alles um.
Ich hab’ dir doch gesagt,
lass mich auch bitte mal allein.
Und solltest Du nicht heute
bei der Mama sein?!

Dänemark
Dänemark
Dänemark
Dänemark
Prosa
Vor Kurzem hatte ich den Einfall, Videoberater zu werden. Da ich sowieso ständig YouTube schaue, dachte ich, könnte ich mein Hobby ja auch zum Beruf machen. Ja, das könnte meine Arbeit werden: Für andere Leute YouTube-Playlists erstellen gegen einen Obolus von, sagen wir, 10 Euro pro Playlist. Mein Arbeitsbegriff hat sich durch meine letzten Soziologieseminare an der Uni und durch eine Lesung mit David Graeber im Literaturhaus Frankfurt sowieso stark geweitet, sodass er jetzt dem erweiterten Kunstbegriff von Joseph Beuys ähnelt. Für Beuys ist jeder Mensch Künstler und für Graeber ist praktisch alles Arbeit, was man am Tag so macht, zum Beispiel auch ein Glas spülen. Also ist auch YouTube-Schauen Arbeit und erst recht Playlists erstellen, und entsprechend könnte ich ja so mein Geld verdienen, dachte ich. Geht auch schön von zu Hause aus, freie Arbeitseinteilung, Corona etc.
Ich habe mir das richtig schön ausgemalt und Notizen dazu gemacht. Der Beratungsprozess sieht zum Beispiel vor, dass meine Kund*innen erst einmal ein Formular mit Fragen zu ihrer Geschmackspräferenz ausfüllen und diverse Beispielvideos angeben müssen, nur damit das alles am Ende von mir total außer Acht gelassen wird und ich den Leuten nach Gutdünken Empfehlungen nach meinem eigenen Geschmack gebe. Immerhin kenne ich mich aus, habe abertausende Stunden Seherfahrung und „perfect taste“ (Filip Noterdaeme).
Man könnte die Videoberatung auch ausbauen zu einer umfassenden Contentberatung. Dann berate ich meine Kund*innen nicht nur darin, welche Videos sie sich auf YouTube anschauen sollen, sondern auch in den Bereichen Literatur (habe ich studiert) und Musik (hatte mal Klavierunterricht). Im Bereich Film kenne ich mich nicht so gut aus, aber selbstverständlich sehe ich für meine Kund*innen gerne den Trailer eines Filmes ihrer Wahl und sage dann, ob ich mir den Film an ihrer Stelle anschauen würde. Das geht in allen (!) Genres, aber am treffendsten wären sicher meine trailerbasierten Arthouse-Empfehlungen. Für viele ist das nur eine Suppe, schwer durchzublicken. Das übernimmt die Contentberatung und liefert auf Wunsch (5 Euro) auch eine kurze Begründung. Nicht zu verwechseln ist die trailerbasierte Filmempfehlung übrigens mit der „einfachen Trailerempfehlung“, also der Empfehlung, einen bestimmten Trailer anzuschauen. Letztere wäre deutlich kostengünstiger als eine Filmempfehlung, die mit mehr Aufwand und Verantwortung verbunden ist.

Ich erinnere mich, wie ich diese Idee mit einem Freund besprach. Es war ein Telefonat am späten Abend vor einigen Monaten. Ich spazierte an der Nidda entlang. Es war stockdunkel und ich war einen kleinen Uferhang heruntergestiegen und hatte mich auf einem Ding aus Beton, das ins Wasser führte, in die Hocke gesetzt. Es war ein schönes Gespräch, mein Freund motivierte mich sehr, die Idee mit der Contentberatung weiter zu verfolgen. Während unseres Telefonats kletterten einzelne Mitglieder einer Nutriafamilie am anderen Ende des Betondings an Land, verweilten für einen Augenblick und gingen dann zurück ins Wasser schwimmen.
Einen Monat später hatte mein Freund Geburtstag. Ich ging auf meinem Heimatbesuch mit meiner Mutter in Wiesbaden einkaufen und erstand in einem Lederwaren- und Antiquitätengeschäft einen Gürtel, der laut Verkäufer aus der Schweizer Armee stammte. Außerdem buk ich einen Kuchen und legte darauf in Zuckerbuchstaben die Worte „Herzlichen Glückwunsch, Ihre Contentberatung Nils Brunschede“ zurecht. Als Nächstes erstellte ich eine YouTube-Playlist mit eineinhalb Stunden meiner besten, also lustigsten, ernstesten und informativsten Videos. Zum Beispiel das hier, das oder das. Diese Playlist sandte ich meinem Freund in einer Mail, die ich nach dem Vorbild jener Mails gestaltete, die ich von meinem E-Mail-Provider GMX jedes Jahr zum Geburtstag bekomme, Nachrichten mit Sätzen wie: „Heute ist Ihr Geburtstag, das kann Ihnen keiner nehmen!“ Oder: „Es ist Ihr Geburtstag, und dazu gehören auch tolle Geschenke. Denn dieser Tag gehört nur allein Ihnen“ usw.

Jedenfalls, auf was ich eigentlich hinauswollte, am Ende gefielen meinem Freund, der sich über meine Mail sehr gefreut und auch den Gürtel und den Kuchen dankend – bzw. dampfend im Falle des Letzteren, denn er kam frisch aus dem Ofen (eigentlich nicht, aber es wäre schön gewesen) – in Empfang genommen hatte, nur 80 % meiner Videos. Manches gefiel ihm sehr gut und mit anderem konnte er nicht so viel anfangen, wie er mir später sehr diplomatisch am Telefon mitteilte. Wenn selbst mein bester Freund mit einem Fünftel meiner Videoempfehlungen nichts anfangen kann, wie sinnvoll ist es dann tatsächlich, eine Contentberatung aufzumachen? – dachte ich. Ist es überhaupt sinnvoll? Kann man mit der Idee wirklich Geld verdienen? Oder muss ich mir doch einen anderen Job suchen als den des Contentberaters? Mit diesen Fragen entlasse ich Sie und wünsche Ihnen noch einen schönen Newsletter.
Es war Donnerstag und wir hatten eine neue Babysitterin. Die alte kam nicht mehr, niemand hatte uns gesagt, warum. Wir saßen auf der Couch und berieten die Abendplanung, als meine Schwester vorschlug, das magische Portal in ihrem Zimmer zu besichtigen. Ich wunderte mich kein bisschen, auch darüber nicht, dass sie es „magisch“ genannt hatte, obwohl wir uns einig darüber waren, dass es wissenschaftliche Erklärungen gab – wie immer diese auch aussahen. Das Portal war ein Loch in der Wand im Zimmer meiner Schwester, in dem Dinge verschwanden. Man hielt sie hinein und sie wurden zu Nichts, zu Staub. Es umgab ein viereckiger Rahmen. Auf der Rückseite, im Arbeitszimmer meiner Eltern, war die Wand geschlossen.
Wir stiegen die Treppe hoch, wandten uns im Flur nach links und standen vor dem Zimmer meiner Schwester. Die Sitterin wollte bereits die Klinke drücken, als ich sie zurückhielt. Vielleicht sollten wir mit dem Portal noch warten, sagte ich. Meine Schwester nickte. Die Sitterin nickte ebenfalls, und gemeinsam gingen wir zurück ins Wohnzimmer.

Wir saßen vor dem Fernseher und schauten einen japanischen Trickfilm an. Die Sitterin schlief, meine Schwester und ich hatten uns mit Kaffeepralinen wachgehalten. Wir gewöhnten uns grade das Espressotrinken an und tranken manchmal sonntagmorgens, wenn unsere Eltern auf Kongressen waren, je ein klandestines Tässchen in der Fensternische unserer Wohnküche; nicht ohne danach alle Spuren zu verwischen und die Maschine fachgerecht zu reinigen. Ich war schon müde und hatte das Gefühl, mit offenen Augen zu schlafen, als sich meine Schwester aufrichtete und verkündete, die Wartezeit sei nun vorüber. Ich sah zur Sitterin, die wie eine fallengelassene Marionette auf dem Sofa hing, ausgestreckt und völlig entspannt. Ihr blondes Haar war ihr ins Gesicht gefallen und hob und senkte sich mit den Atemzügen. Die Sitterin trug eine schwarze Cordhose und eine Jeans-Jacke mit einem Margeriten-Aufnäher, in der sie bei den 23 Grad im Raum garantiert schwitzte. Meine Schwester machte den Fernseher aus und ich weckte die Sitterin so sanft ich konnte.

Wir gingen ein zweites Mal nach oben. Wir weihten eine Unbekannte in unser Geheimnis ein. Meine Schwester war vorausgegangen, ich lief dahinter, die Sitterin bildete das Schlusslicht. Als wir oben angekommen waren, verschwand die Sitterin im Bad. Meine Schwester und ich betraten das Zimmer. Ich merkte es nicht sofort, aber nach einigen Augenblicken wurde mir klar, was geschehen war: Meine Schwester hatte den Tag, den ich bei unseren Großeltern verbracht hatte, zum Portal-Tag gemacht. Dabei hatte sie nichts verschwinden lassen, sondern unzählige Gegenstände um die Hälfte reduziert: Bücher, Spielekartons, Stofftiere und Puppen, ihr Kopfkissen, einige Kleidungsstücke, denen nun Ärmel und Hosenbeine fehlten, Socken, die sich in Stulpen verwandelt hatten, etc.
Es waren alles ihre Sachen, von mir hatte sie nichts angerührt außer einem Autoteppich, der wie eine angebissene Biskuitrolle an der Wand lag. Ich ließ mich auf ein Ziegenfell fallen, das in der Mitte des Raumes lag und unversehrt geblieben war. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie meine Schwester aus einem Haufen Kleidung ihren Frottee-Bademantel hervorzog und das Portal damit verhängte. Im Erdgeschoss hörte man Schlüsselgeräusche, Stimmen. Ich überlegte, ob ich in mein Zimmer gehen sollte, dem Debakel, das folgen würde, hinter verschlossener Tür lauschen, bis man mich (irgendwann, unweigerlich) dazu rufen würde. Ich stand auf, mir wurde etwas schwindelig. Ich trat auf das Portal zu, schob den Bademantel zur Seite und steckte den Kopf hinein. Nichts geschah. Ich hörte hinter mir die Stimme meiner Schwester, es gehe nur bei leblosen Objekten. Ich weiß, sagte ich, drehte mich um und sah auf die Fensterbank, wo die beiden Bonsais meiner Schwester ohne Erde, mit blanken Wurzeln am Fenster lehnten. Die Erde war, mitsamt den verwelkten Blättern, aus den Töpfen verschwunden. Ich sah meine Spiegelung; draußen lag Schnee. Hinter uns ging die Tür auf.

Meine Mutter steckte den Kopf herein. In zwei Minuten im Wohnzimmer, sagte sie. Und verschwand. Ihr Blick hatte sich offensichtlich auf ihre beiden Kinder, nicht auf die zerteilten Gegenstände im Raum konzentriert. Meine Schwester begann, aufzuräumen. Die Dinge, von denen sie glaubte, man könne sie noch gebrauchen, kamen auf einen Haufen. Was diesem Kriterium nicht entsprach, entsorgte sie im Portal.
Unten war es heller als zuvor, meine Eltern hatten zusätzlich zur Deckenbeleuchtung noch zwei Stehlampen angemacht. Meine Mutter lehnte am Rücken der Couch und tippte etwas in ihr Handy. Mein Vater saß vornübergebeugt in einem Sessel. Wo ist die Babysitterin?, fragte er. Wir erklärten, dass wir das nicht wüssten; wir hätten sie hier, im Wohnzimmer vermutet; vor kurzem sei sie noch im oberen Bad gewesen. Sie ist weder hier noch im oberen Bad, sagte mein Vater, als sei es unsere Schuld, dass die Sitterin verschwunden war.

Es war klar, dass die Sitterin die Wohnung verlassen hatte, bevor unsere Eltern nach Hause gekommen waren. Im Haus fehlte von ihr jede Spur. Es wurde eine Suche nach der Sitterin angeordnet, die weder meine Schwester noch ich besonders ernst nahmen. In der Zeit, in der wir auf dem Dachboden nach ihr fahnden sollten, versteckten wir uns in unseren Zimmern. Statt unserer stieg mein Vater auf den Dachboden – ohne Erfolg.
Es war schon nach elf Uhr und meine Eltern beschlossen, uns endlich ins Bett zu schicken. Nachdem alle schlafen gegangen waren und sich unten geräuschvoll die Kaffeemaschine ausgeschaltet hatte, kam meine Schwester zu mir ins Zimmer. Wir setzten uns auf die Sessel unter meinem Hochbett und unterhielten uns. Zwei Stunden vergingen. Es war nach ein Uhr, als meine Schwester ins Bett ging. Daran, die Eltern der Sitterin oder die Polizei anzurufen, hatte niemand gedacht.

Ich wachte mitten in der Nacht auf und hatte Durst, ging in die Küche und trank ein Glas Wasser. Auf dem Rückweg in mein Zimmer sah ich im Flur mein Handy und das Handy meiner Schwester auf der Kommode liegen. Meine Eltern hatten offenbar vergessen, die Geräte mit in ihr Schlafzimmer zu nehmen. Es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich mein Handy zu Gesicht bekam, das mir meine Eltern nur selten und zu einer von strengsten Auflagen eingeschränkten Nutzung überließen. Entsprechend groß war die Verlockung, es jetzt an mich zu nehmen. Zugleich fühlte ich mich meiner Schwester gegenüber schuldig. Sollte ich sie wecken, um ihr das zweite Gerät auszuhändigen? Leider besaßen wir keine eigenen Ladekabel, was es umso wahrscheinlicher machte, dass der Betrug am nächsten Morgen auffallen würde. Mein Handy begann zu blinken. Ich hatte eine neue Sms. Ich öffnete die Nachricht, sie stammte von der Sitterin. Die Nachricht bestand aus vier Wörtern:
Ich bin im Haus.
Ich weckte meine Schwester. Das ging so leicht, als habe sie gar nicht richtig geschlafen. Meine Schwester machte Platz auf ihrem Hochbett. Ich zeigte ihr die SMS der Sitterin. Was denkst Du, fragte ich meine Schwester. Dass die Sitterin noch im Haus ist, sagte sie.

***

Am nächsten Morgen fielen wegen des Schnees die ersten beiden Unterrichtsstunden aus. Wir trugen die Ranzen zurück in unsere Zimmer und entnahmen die Bücher für die ausgefallenen Stunden. Unsere Eltern waren beide auf die Arbeit gefahren. Meine Schwester machte uns Kaffee und wir verzogen uns auf den Dachboden. Der Dachboden war nur zur Hälfte ausgebaut. Wir traten in den ausgebauten Teil – eine japanische Sitzlandschaft mit Tatamimatten, einem niedrigen Teetisch und Bodenkissen. Von hier aus sah man in den unrenovierten Teil, auf mehrere Ballen Isoliermaterial, staubige Umzugskartons und weitere Tatamimatten, die, halb bedeckt von einer rosa Plastikplane, an der Wand lehnten.
Wir einigten uns darauf, der Sitterin von meinem Handy zurückzuschreiben. Noch einmal nach ihr suchen wollten wir nicht. Wir schrieben der Sitterin folgende Nachricht:
Wo genau bist Du?
Beim Abstieg schwindelte mir erneut. Ich war allein auf der Leiter, meine Schwester war bereits abgestiegen. Unter mir gähnte ein leeres Parkett-Viereck, angestrahlt von den weißblauen LED-Strahlern im Flur, bis auch diese erloschen, weil meine Schwester das Licht ausgeschaltet hatte.

Wir fuhren mit dem Bus zur Schule. Meine Schwester hinten, ich vorn, in der Reihe hinter dem Fahrer. In den gläsernen Eingangstüren blitzte die Sonne. Ich verbrachte zwei Schulstunden in meinem Klassenraum. In der Fünf-Minuten-Pause ging ich aufs Klo, in der Hoffnung, auf dem Flur meine Schwester zu treffen und ihr mitteilen zu können, dass die Sitterin sich noch nicht gemeldet hatte. Die Hoffnung erfüllte sich nicht. Stattdessen sah ich sie später, in der zweiten großen Pause, auf dem hinteren Schulhof. Sie saß allein auf einem Betonquader. Neben ihr lagen ihre Jacke und eine Tupperdose mit Obst. Rechts von uns stand, im rechten Winkel zum Hauptgebäude, der naturwissenschaftliche Trakt. Der Schnee war überwiegend geschmolzen, aber überall standen noch kleine, wässrige Türmchen, die der Sonne bislang getrotzt hatten. Ich sagte meiner Schwester, dass die Sitterin noch nicht geschrieben habe. Das habe sie sich gedacht, sagte meine Schwester.

Wir schwänzten den Biologie- und Chemieunterricht und machten einen langen Spaziergang nach Hause. Am Elektroladen in unserem Ort machten wir Halt und kauften ein Ladekabel für mein Handy. Anschließend kauften wir im Supermarkt etwas für das Mittagessen. Meine Schwester schlug vor, noch bei den Großeltern vorbeizuschauen, um sie die Entschuldigungen für unsere Abwesenheit in der Schule schreiben zu lassen. Ich machte den Gegenvorschlag, am nächsten Tag unsere Einträge aus dem Klassenbuch zu streichen. Meine Schwester ging noch weiter und sagte, man solle die Klassenbücher gleich mit nachhause nehmen und im Portal entsorgen. Wusstest Du, sagte sie dann, dass das Portal portabel ist? Wenn man ein bisschen daran rüttelt, kann man den Rahmen abnehmen und hintun, wo man möchte. Ich sagte, dass ich das nicht gewusst hätte, und warum sie mir das jetzt erst sage. Ich habe es selber erst heute morgen entdeckt, sagte sie.
Es war später Nachmittag. Wir hatten zu Mittag gegessen und direkt danach die Entschuldigungen auf dem Computer geschrieben. Die Unterschriften unserer Eltern hatten wir mithilfe rechtlicher Dokumente aus dem Arbeitszimmer gefälscht. Da uns später noch einige Rechtschreibfehler aufgefallen waren, mussten wir die Prozedur noch einmal wiederholen. Die unbrauchbaren Versionen entsorgten wir im Portal, das wir mittlerweile von der Wand genommen und unter das Bett meiner Schwester geschoben hatten.
Ich weiß nicht mehr, ob es meine oder ihre Idee war, doch noch die Eltern der Sitterin anzurufen. Nach dreimaligem Tuten meldete sich eine Frauenstimme, die Mutter der Sitterin. Wir fragten nach ihrer Tochter und die Mutter sagte uns, dass sie sie ans Telefon holen würde. Nach kurzer Zeit kam sie erneut ans Telefon und sagte, dass wir entweder ein paar Minuten warten oder später noch einmal anrufen sollten. Wir entschieden uns, zu warten. Unser Telefon war auf laut gestellt. Wir hörten weit entfernt eine Toilettenspülung und sich nähernde Schritte. Die Sitterin meldete sich. Wir sagten Hallo und erklärten ihr den Grund für unseren Anruf. Sie sei gestern so abrupt verschwunden, und wir hätten uns über ihren Verbleib gewundert. Die Suche in unserem Haus und die verschiedenen Nachrichten erwähnten wir vorsichtshalber nicht. Die Sitterin schwieg eine Weile. Dann sagte sie, dass sie all das nicht am Telefon besprechen möchte, und ob wir uns nicht treffen wollten. Sie könne sehr schnell bei uns sein, noch bevor unsere Eltern zurück von der Arbeit kämen. Wir sollten in fünf Minuten ins Zimmer meiner Schwester kommen. Wir konnten keine Nachfragen mehr stellen, denn die Sitterin hatte aufgelegt.
Wir warteten keine fünf Minuten, sondern gingen sofort ins Zimmer meiner Schwester. Die Sitterin kämpfte sich gerade unter dem Bett hervor. Ihre Haare hingen ihr wild ins Gesicht, das stellenweise rot angelaufen war. Sie hielt etwas in der Hand, einen ovalen Lappen, der auf der einen Seite grüne, weiße und gelbe Fransen hatte, auf der anderen rötlichbraun beschichtet war. Es war ein Stück des Autoteppichs.
Lyrik (?)

Jeffrey Dahmer war ein Mann,
über den man im Internet viel recherchieren kann.
Er war ein Mörder, soviel ist klar.
Er mordete, wenn ihm danach war.
Und er kam aus den USA.

Er war von zwanghafter Natur
man schickte ihn als Kind schon oft zur Kur
und sagte man ihm: Jeffrey, geh zum Spielen raus,
hieb und stach er auf die Bäume hinter dem Haus.
Ja, die Bäume malträtierte er sehr.
Gegen seine Angreifer in der Schule setze er sich dagegen kaum zur Wehr.

Mit achtzehn beging er seinen ersten Mord
und danach mordete er wie im Akkord.
Erst einer, dann zwei, dann drei, dann vier,
dann standen der fünfte und sechste schon vor der Tür.
Vor seinen Eltern hielt er es geheim.
Sie hätten bestimmt sonst gedacht: Wie gemein!
Sie hätten ihn sicherlich sonst sehr bestraft
oder der Polizei Bescheid gegeben, damit die ihn verhaft’.
Zur Oma hatte er ein gutes Verhältnis.
Die Leichenteile bewahrte er in einem speziellen Behältnis.
Wer viel über ihn gelesen hat, weiß:
Dieses Gedicht gibt nur die Wahrheit über Jeffrey Dahmer preis.

Er frequentierte häufig eine Bar,
in der so mancher minderjährige Sexarbeiter war.
Die quatschte er dann gesellig an.
Man merkte ihm den Serienmörder zunächst gar nicht an.
Zuhause spendierte er erstmal ein Bier,
da merkte man noch nichts von seiner mörderischen Gier.
Zum ersten gesellte sich oft noch ein zweites,
die wenigsten suchten da schon das Weite.
Dann mischte Jeffrey für gewöhnlich Tabletten
in die Drinks der Leute, die gerne noch etwas länger gelebt hätten.
Er tötete und zerstückelte die Saufkumpanen.
Da sie ja schliefen, konnten sie von nichts ahnen.

Jeffrey Dahmer, was soll ich sagen?
Seine Opfer kann man sicherlich nur beklagen.
Sie haben ja nicht gewusst, mit was für einem Schwein
lass ich mich da heute Abend in der Gaybar ein.
Manche waren noch ziemlich jung an Jahren,
Leute, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten und cool drauf waren.
Ihr einziger Fehler war ihr mangelndes Gespür:
Da hat mich ein Serienmörder im Visier.
Doch Jeffrey Dahmer tarnte sich gut
und war auch immer auf der Hut.
Er bot ihnen fünfzig Dollar für Sex,
manche guckten da nur perplex,
aber andere nahmen das Angebot an
und Jeffrey war übrigens auch kein schlecht aussehender Mann.
Lädt man mich für fünfzig Dollar ein,
sage ich in den meisten Fällen nein.
Doch die armen Opfer wussten mitnichten
von Jeffreys finsteren Mörderabsichten.

Jeffrey gab sich seinen Phantasien hin.
Sein Leben bekam einen neuen Sinn.
Tagsüber arbeitete er in einer Schokoladenfabrik,
aber abends, da fand er das Morden schick.

Nach hundert Morden hat man ihn geschnappt.
Eher durch Zufall hat es geklappt:
Ein potenzielles Opfer, grad noch so befreit,
hat Jeffrey der versuchten Vergewaltigung gezeiht.
Da fuhren sie umstandslos zu ihm hin
und fanden sich wieder an einer echten ‘crime scene’:
Überall Leichen, im Kühlschrank ein Schädel,
der Geruch war sicherlich auch nicht für jeden…
Und in einer Schublade Fotos
von Jeffrey und seinen Opfern beim Koitus.
Das war für die Beamten ein ganz schönes Stück
und zu Jeffrey Dahmer sagten sie: Du kommst mit uns mit.
Wir nehmen dich jetzt gleich mit auf die Wache.
Das wäre tatsächlich die beste Sache.

Jeffrey gestand dann auch in einem langen Verhör,
dass er tatsächlich der Mörder wär.
Er begann, seine Taten zu bereuen,
sich zu schämen und auch ein bisschen vor sich selber zu scheuen.
Er begab sich, denke ich mal, in Therapie
und sagte: Wiedergutmachen kann ich es nie.
Aber ich wende mich nun zum Christentum hin,
weil ich ab jetzt sehr gläubig bin.

Jedenfalls gab es da noch einen anderen Mann
im Gefängnis, der ging Jeffrey eines Tages tätlich an.
Er haute ihn mit einer Stange um,
da half auch nicht das schönste Christentum,
denn er war beinah auf der Stelle tot.
Seine letzten Worte: That’s the end. Now I come to God.
Natürlich auf Englisch, das ist ja klar,
denn er kam schließlich aus den USA.

PS:

Ich muss sagen, ich hab Mitleid für den Mann,
weil er ja, so gesehen, gar nichts dafür kann.
Es war nur sein krankes, gequältes Hirn,
das spielte ihm so manchen Streich
und war dabei auch sehr erfindungsreich.
Mancher würde sagen, es war weich
wie eine Birn’,
die schon etwas zu lang auf der Anrichte liegt
und wo langsam die Weichheit und Fäulnis überwiegt.
Ich habe von Dahmer erst gestern erfahren,
beim Surfen im Internet, da ist mir der Schreck in die Glieder gefahren.
Er sagte, er wollte, dass von seinen Opfern etwas bleibt:
Nicht aus Hass, sondern aus Liebe hat er zum Morden geneigt.
Er wollte ewig mit ihnen Zeit verbringen…
nur der Verwesungsprozess ließ sich damit nicht in Einklang bringen.